Vokabeln lernen ohne System

Eine Sprache zu lernen wäre ein großer Spaß, wären da nicht die vielen unbekannten Wörter. Ohne Vokabeln pauken aber kein Fortschritt. In der Schule war man gezwungen zu lernen, wollte man in der nächsten Klausur nicht gar zu schlecht abschneiden. Mit etwas Glück hat man ein paar der Wörter auch nach dem Test noch im Gedächtnis behalten. Außerhalb der Schule gibts solche Zwänge kaum und die Motivation muss anders geschaffen werden. Es soll im Folgenden aber gar nicht so sehr darum gehen, wie man sich motiviert, sondern wie man Vokabeln effektiv lernen kann. Wir werden aber sehen, dass beides recht eng verknüpft ist.

Vokabelkarten (Flashcards) sind ein bekanntes und bewährtes Mittel, sich den Stoff einzuprägen. Die Frage auf der einen, die Antwort auf der anderen Seite, klar. Aber wie nutzen?

Ich habe vor etwa fünf Jahren begonnen, Chinesisch zu lernen. Eine lange Zeit und ich kann leider nicht behaupten, weit gekommen zu sein. Das hat eine Menge Ursachen, eine wichtige ist aber meine undurchdachte Herangehensweise ans Vokabelnlernen. Etwa zeitgleich hatte ich einen Chinesischkurs an der Uni und einen Onlinekurs (Chineselearnonline.com) begonnen. Für den Kurs an der Uni habe ich nie Vokabelkarten angelegt, weil es in den Lehrbüchern genügend Übungen gab und die Schreibübungen regelmäßig von der Lehrerin eingesammelt und kontrolliert wurden, Übung gab es hier also automatisch genug.

Diese „beaufsichtigten“ Übung fehlten im Onlinekurs natürlich. Also habe ich mir irgendwann ein Flashcardprogramm gesucht, um besser üben zu können. Ich weiß nicht mehr genau warum, aber Chinese Practice hatte mich damals überzeugt. Die Oberfläche gefiel mir, das Programm war speziell für Chinesisch programmiert, mit Wörterbuchunterstützung und eben den elementaren Funktionen, die so ein Programm braucht.

Hier ist ein kurzer Ausflug in die Besonderheuten des Chinesischen nötig. Es gibt in dieser Sprache keine Buchstaben, sondern Schriftzeichen. Von denen Gibt es fast 90.000, genutzt werden heute etwa 8000 und 99% der Texte in Zeitungen und Co. kann man verstehen, wenn man die 3000 meistgenutzen Zeichen kennt. Jedes dieser Zeichen hat eine bestimmte Bedeutung und eine Aussprache, die sich (fast) nicht ablesen lässt. Man muss also für ein Schriftzeichen lernen, wie man es schreibt, wie man es spricht und was es bedeutet. Da die Anzahl der Silben mit unter 450 im sehr viel kleiner ist als die Anzahl der Schriftzeichen, gibt es eine große Anzahl an Homophonen. Das sind Wörter mit gleicher Aussprache aber unterschiedlicher Bedeutung. Um sich trotzdem mündlich verständigen zu können, bestehen viele Vokabeln aus mindestens zwei Schriftzeichen. So wird etwa das Wort Freund aus zwei Schriftzeichen geibldet, die beide für sich auch Freund heißen:
Quote:

朋 péng (Freund) + 友 you (Freund) = 朋友 péng​you (Freund)
計jì (planen) + 程 chéng (Reise) +​ 車 ​chē (Fahrzeug) = 計程車 jì​chéng​chē​ (na, wer errät es?)

Ich habe also begonnen, die neuen Vokabeln jeder Lektion in das Programm zu übernehmen. Zum einen die einzelnen Schriftzeichen, als auch die Vokabeln, also die Kombinationen der Schriftzeichen. Für jede Lektion eine Datei. Dann jeden Tag üben und jede Lektion solange durchgehen, bis man alles kann. Je mehr Lektionen es wurden, desto weniger konnte ich pro Tag üben. Also machte ich am Montag Lektion 1-10, am Dienstag 11-20 und so weiter. Durch die obene beschriebene Struktur des Chinesischen kommt es so zu vielen Wiederholungen, die man nicht braucht. Ein Beispiel sind etwa die Monate:
Quote:

一 yi (eins) + 月 yuè (Monat) = 一月 yiyuè (Januar)
二 èr (zwei) + 月 yuè (Monat) = 二月 eryuè (Februar)
三 san (drei) + 月 yuè (Monat) = 三月 sanyuè (März)
十 shí (zehn) + 二 èr (zwei) + 月 yuè (Monat) = 十二月 shíèryuè (Dezember)

Also die Zahlen eins bis zwölf plus das Wort für Monat/Mond. Analog funktioniert das für die Wochentage. Für viele verschiedene Vokabeln nutzt man also immer die gleichen Zeichen, die noch dazu ziemlich einfach sind. Also eigentlich nichts, was man üben müsste. Die Vokabelkarten werden davon aber regelrecht überschwemmt.

Also habe ich nach 40 Lektionen angefangen, zu selektieren. Ich habe alles zusammengefasst zu 10er-Blöcken von Lektionen und sich oft wiederholende und ähnelnde Vokabeln ausselektiert, ebenso wie Schriftzeichen, die nicht alleinstehend genutzt werden. Dabei habe ich besonders auch ein rein subjektives, gefühltes Kriterium „einfach“ angewandt. Ziemlich gefährlich, schließlich konnten so Vokabeln rausgeworfen werden, die ich dann doch irgendwann vergaß, weil ich sie eben nie mehr geübt hatte. Bis zur Lektion 130 habe ich das dann so weitergemacht und hatte schließlich knapp 500 Einträge in 14 Dateien. Das macht etwa 35 Vokabeln pro Block. Angezeigt wurde immer die Bedeutung, ich musste die Aussprache wissen und die Vokabel in Schriftzeichen schreiben können (auf echtem Papier). Das dauert schon seine Zeit. Innerhalb einer Woche sind kaum alle Lektionen zuschaffen, wenn man das ganze nur nebenbei macht. Also habe ich begonnen, mir aus den Lektionen Sätze zu suchen, die neben der neuen Vokabel noch möglichst viele Vokabeln aus den vorhergehenden Lektionen enthielten, damit ich diese automatisch mitwiederhole. Das führte natürlich auch dazu, dass jede Sitzung noch länger gedauert hat. Die „Logistik“, was ich wann wiederholen muss hat so einen immer größeren Teil meiner Übungszeit eingenommen und ziemlich demotiviert.

Der Onlinekurs ist unterteilt in Stufen mit je 60 Lektionen. Ich glaube insgesamt dreimal habe ich kurz nach dem Ende von Level 2 abgebrochen, das ganze monatelang liegen gelassen und dann wieder mehr oder weniger von vorn angefangen. Das lag bei den ersten Versuchen daran, dass ich die chinesische Schrift generell ziemlich vernachlässigt hatte. Je mehr Wörter aber in den Lektionen benutzt wurden, desto mehr Homophone gab es, desto schwieriger wurde es, die Wörter auseinanderzuhalten. Eine vernüftige Lernstrategie musste also her.

Wie die aussieht und vor allem mit welchem Programm ich die umsetze, steht demnächst im zweiten Teil.

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2 Antworten auf Vokabeln lernen ohne System

  1. Thor sagt:

    Ich kann kaum erwarten, wie die Geschichte weitergeht 😀

    Mein Fazit bisher: Chinesisch ist nur mit viel Fleiß zu erlernen, außer man beschränkt sich auf Zeitangaben 😉

  2. onkelerika sagt:

    Aber der kommt doch erst in einem Jahr, um der Tradition treu zu bleiben 😉

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