Spec Ops: The Line

Wow, was für ein Ende…

Seit Jahren habe ich keinen Kriegsshooter mehr gespielt. Zu einseitig die immergleiche Tontaubenschießmechanik, zu flach hurrapatriotisch und albern die „Geschichten“, die da erzählt werden, zu klischeehaft und billig die Feindbilder. Und nun soll ausgerechnet aus Deutschland ein Spiel kommen, das es anders macht?

Ja.

Zugegeben, auch Spec Ops: The Line unterscheidet sich spielmechanisch nur unwesentlich von anderen Vertretern des Genres, namentlich etwa Call of Duty. Doch während letzteres sein Geballere mit einer hanebüchenen Story rechtzufertigen versucht, tut Spec Ops das genaue Gegenteil und schickt Protagonist und Spieler in einen alptraumhaften Abstieg in die Abgründe der eigenen Seele. Die Stadt Dubai wurde von gigantischen Sandstürmen zerstört, seit Monaten gibt es keine Nachrichten mehr aus der Katastrophenzone. Eine kleine Eliteeinheit soll nun herausfinden, ob es doch noch Überlebende gibt. Ein Rettungseinsatz also, der sich aber im Laufe des Spiels zu einem absoluten Disaster entwickelt. Ich möchte hier nicht zu viel zur Geschichte und ihren Wendungen sagen, da es sicherlich Leute gibt die das Spiel ebenfalls erst jetzt spielen (es wurde bereits vor einem halben Jahr veröffentlicht).

Was ist hier nur passiert?

Was ist hier nur passiert?

Wenn etwas an diesem Spiel kritisiert wurde, dann war es gewöhnlich die Mechanik. Nicht ganz zu unrecht, auch Spec Ops schafft es nicht aus bekannten Bahnen auszubrechen, so schlägt man als 3-Mann-Team völlig unrealistisch ein ganzes Bataillion, hält durch automatische Heilung unbegrenzt Treffer aus, kann eine dumme KI beobachten und so weiter. Aber ich hatte das Gefühl, dass die Entwickler viele dieser Elemente auch völlig bewusst eingesetzt haben, um sie anschließend zu dekonstruieren. So gibt es in vielen modernen Shootern Szenen, in den der Spieler etwa in einem Flugzeug fliegt, in einer Infrarot- oder Nachtsicht auf eine Stadt blickt und das Gebiet bombardiert. Eine ähnliche Szene gibt es auch in Spec Ops. Doch es geht den entscheidenden Schritt weiter: Nach der Bombardierung wird der Spieler durch die völlig zerstörte Straße geschickt. Die Möglichkeit zu Rennen wird deaktiviert, der Spieler muss langsam durch all die Trümmern und Leichen laufen, die er selbst wenige Minuten vorher verursacht hat, er muss sich die letzten Zuckungen ansehen, die verzweifelten Schreie hören.

Was habe ich getan?

Was habe ich getan?

Es ist auch eine solche Szene, an der der Protagonist zerbricht. Die Auswirkungen dessen sind dann nicht nur Teil der Story, sondern werden genutzt um die vierte Wand zum Spieler zu durchbrechen. In den Ladebildschirmen etwa, in denen anfangs nur Tipps stehen wie „Nutze die mittlere Maustaste um Befehle zu geben“ erscheinen immer mehr Botschaften, die die Grenze zwischen Spieler und Protagonisten verwischen: Fühlst du dich schon als Held?, Weißt du überhaupt noch, warum du hier bist oder Das ist alles deine Schuld..

Das Entwicklerteam Yager hat sich wohl stark vom Buch Herz der Finsternis inspirieren lassen, das auch schon als Vorlage zum Film Apocalypse Now diente. Sogar Nicht-Spielemedien sahen Anlassen genug über das Spiel zu schreiben, etwa die Zeit und der Spiegel.

Yager hat mit Spec Ops: The Line gezeigt, dass auch Shooter ernsthaft vom Krieg erzählen können.

Keine Herlichkeit, nur Tod und Verderben.

Wenn es einen Antikriegs-Shooter gibt, dann ist es Spec Ops: The Line.

Dieser Beitrag wurde unter Gespielt abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.