Mando Diao vs. Jammin*Inc (inkl. kostenloser Musik)

Schweden gegen Deutschland, Rock gegen Hip-Hop. Alles quatsch, Schubladendenken und so weiter. Aber die neu gewonnenen Freiheiten hier im liebgewonnenwerdenden Feuilleton wollen auch genutzt werden. Deshalb gibt es hier jetzt ein Battle of the Bands.

In der linken Ecke, die fünf schwedischen Jungs von Mando Diao mit ihrem vierten Studioalbum Never Seen The Light Of Day.

Gegenüber, das Debutalbum Mit Anlauf auf Angriffsposition, die grob geschätzten zehn Mitglieder der deutschen Band Jammin*Inc.

Die Startbedingungen sind nicht ganz fair verteilt, doch bringen beide Bands ganz eigene Vorteile mit. Mando Diao können bereits Referenzen auf drei tolle Studioalben vorweisen, Jammin*Inc müssen sich ihre Lorbeeren erst noch verdienen, zumal sie sich vordergründig als Hip-Hop-Band verkleiden (Pfui deibel!). Doch, und das ist eine harte Nuss: Jammin*Inc stellen ihre Musik unter eine Creative Commons-Lizenz! Genauer unter die by-nc-sa-Lizenz, welche die Verfielfältigung, Weiterverbreitung und öffentlich Zugänglichmachung ihrer Stücke erlaubt. Man kann das Album und weitere Lieder einfach herunterladen. Genial!

Jammin*Inc hat gewonnen. Kampf zuende, geht nach Hause.
Ok, so einfach machen wir es uns dann doch nicht. Der Fairness halber sei erwähnt, dass das Mando Diao-Album zum fairen Preis von knapp 13€ zu haben ist. Also los und Ring frei für

Runde 1

Was für ein Schock – Streicher und Folkloreklänge? Von Mando Diao? Bevor sich die Schweden mit ihren recht nervigen Refrainklängen des Openers If I Don’t Live Today, Then I Might Be Here Tomorrow selbst aus dem Ring manövrieren, retten sie sich in die Strophe, die, dem Orm sei Dank, ganz gut klingt. Trotzdem stellt dieser Fauxpass das ganze Album unter einen schlechten Stern, obwohl eine gewisse Ohrwürmigkeit nicht abgesprochen werden kann – was aber noch nie ein Indiz für gut Musik gewesen ist (Last Christmas anyone?).

Was die Skandinavier versemmeln, meistern Jammin*Inc mit bravour und schlagen mit fettem Bass, gutem Rhythmus und aggressiven Lyrics gleich richtig in die Magengegend. Aus (durchaus gut hörbarem) Hip-Hop entwickelt sich ein Reggae-Stück dass sich über Skaklänge bruchlos in eine Art Cover der Punkhyme Blitzkriegbop hineinrockt. Besser hätte man nicht angreifen können, die Jungs zeigen gleich in der ersten Runde was Sache ist. Das gesamte musikalische Spektrum in einem Stück. Andere Bands entwickeln in einem duzend Alben nicht eine solche Vielfalt. Klarer Teilsieg.

Runde 2

Wie geht es nun weiter? Die Schweden bringen nun ihren Titelsong Never Seen the Light Of Day. Zunächst mit Akkustikgitarren, später mit E-Gitarren – und Streichern. Das wird sich auch über die folgenden Songs fortsetzen. Zwar kommt jetzt ein wenig Mando Diao-Feeling auf, aber viel festeren Stand gibt es so auch nicht. Ähnlich ist es auch mit Gold. Schwach.

Die Deutschen singen in Jammin derweil zweisprachig über hilfsbereiten Individualismus, untermalt von gerocktem Reggae. Schöner Text, tolle Melodien, weiter zum nächsten Stück, We Fear No Evil, wieder ein bisschen hip-hoppiger, trotzdem fein. We fear no evil, ‚cause we got the love of our people – Recht so!

Runde 3

Mit I Don’t Care What the People Say und Mexican Hardcore holen Mando Diao zum Gegenschlag aus – was auch halbwegs gelingt. Beide Stücke lassen sich hören, zumindest wenn man sich von der Hoffnung verabschiedet hat, auf diesem Album noch Perlen wie Motown Blood, Down In The Past oder Killer Kaczynyski von den Vorgängeralben zu hören. Warum ist Never Seen the Light Of Day wie es ist? Man munkelt, Mando Diao wollten ihrem Label EMG zum Abschied noch ein unverkaufbares Album auf’s Auge drücken. Dafür gibt es Pluspunkte. Ganz so schlimm, wie man es erwarten könnte, ist es dann auch nicht geworden. Aber für Mando Diao-Verhältnisse ist es schon ziemlich abgefallen. Mit Macadam Cowboy gibt es ein langsames low-fi-Stück mit Jazzgitarre, gefolgt vom wilderen Train On Fire, das recht griffig daherkommt, vor allem im Refrain – trotzdem irritieren die Streicher.

Jammin*Inc jammen derweil gegen die alltägliche Propaganda, Lügen und Verälschungen in den Medien, was richtig gut ins Ohr geht. Auch Plant A Seed pflanzt sich dort ein, wo die Füße den Wippbefehl herholen. Schließlich reist Was ist hart noch mit harten Worten die Fassaden der Deutschen Möchtegern-Ganster ein. Zu diesem Lied gibt es noch zwei Upgrades, Was ist härter und Was ist härter v2.0, die sich mit GEMA, GEZ und freier Musik auseinandersetzen. Letztere Version ist wohl die beste. Mittlerweile nicht mehr schlagbar käpfen sich Jammin*Inc souverän in die letzte Runde.

Runde 4

Not A Perfect Day
trägt nicht gerade viel zu Ehrenrettung der Schweden bei. Doch zumindest Misty Mountains kann noch als versuchte Gegenwehr gewertet werden, auch wenn es nicht mehr viel nützt. Schade eigentlich, denn der Song ist einer der wirklich guten auf dem Album – Rhythmus zum mitgehen und feine Melodie. Die ersten 30 Sekunden des folgenden One Blood könnten aus einem Spielfilm sein, sind es vielleicht auch. Die restlichen sechs Minuten des Stücks lassen die Schweden nocheinmal ein bisschen Boden gut machen: Verschrobene E-Gitarren, Sprech-Schrei-Gesang, düstere Streicher im Hintergrund – genial. Ebenso überraschend kommt Dalarna daher, dass letzte und mit acht Minuten längste Stück des Albums. Ein bisschen Western, ein bisschen Psychedelik (?) und Frauengesang. Cool.

Die Hip-Rock-Punker wissen, dass sie schon gesiegt haben und können sich mit Stop ein eher schwächeres Stück leisten. Text geht in Ordnung, kann man trotzdem wegdrücken. System Overload, Raggapunk, alte Form schon wieder da. Ersteres zum Chillen, zweiteres zum wild Rumspringen. Schließlich kommen auch Jammin*Inc mit Dancehall Salute zwar nicht zu einem Bilderbuch-, doch aber soliden Ende, dass sich musikalisch nochmals ein wenig von den anderen Stücken abhebt.


And The Winner is … Jammin*Inc

Vier Runden, vier Siege für Jammin*Inc. Traurig für Mando Diao. Deren Album ist trotzdem nicht wirklich schlecht, es fehlt aber der bleibende Eindruck. Man sollte trotzdem mal reinhören, vielleicht gefällt es ja.

Uneingeschränkt empfehlen kann ich Mit Anlauf – und das will was heißen!

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