Limbo

Limbo

Wald. Dunkel, groß. Bedrohliche Silhouetten, schemenhaft beleuchtet nur durch diffuses Licht im Hintergrund. Keine Farbe. Nur Schwarz, Weiß und die düstre, graue Welt dazwischen. Es ist still. Nur der Wind rauscht durch die weit entfernten Kronen.

Etwas bewegt sich. Zwei Augen. Verwirrt starren sie in den nächtlichen Himmel.

Wo bin ich?

Was ist passiert?

Keine Antworten.

Langsam erhebt sich eine jungenhafte Gestalt aus dem Gras. Und dann laufen. Immer laufen.

Es wird darüber diskutiert, ob Computerspiele Kunst sein können. Limbo (Xbox 360) ist bereits weit jenseits dieser Diskussion. Ganz ohne die überbordende Komplexität modernen Blockbuster-Titel. Das Steuerkreuz zum Laufen, eine Taste zum Springen, eine zum Greifen. Mehr Aktionen erlaubt Limbo nicht – und braucht sie auch gar nicht. Denn Limbo geht einen ganz eigenen Weg.

Limbo

Der Spieler wird völlig unvermittelt in eine Welt geworfen, die er nicht kennt. Der Junge und der Wald. Mehr gibt es nicht. Also beginnt man zu laufen. Man läuft durch den Wald, immer weiter, läuft einen riesigen Baumstamm hinauf, rutscht einen Abhang hinunter, überspringt eine Grube, überquert einen See, läuft wieder durch den Wald, stirbt. Eine Bärenfalle trennt dem Jungen den Kopf ab. Das Bild wird schwarz.

Diese Wendung kommt so schockierend, dass man ersteinmal tief durchatmen muss. So unvermittelt, grausam und blutig hat noch kein Spiel die eigene Sterblichkeit gezeigt. Als das Bild wiederkommt, steht man wenige Meter vor der Falle. Langsam nähert man sich, vielleicht kann man wie in Prince of Persia dürberlaufen. Tot. Zweiter Versuch: Drüber springen. Tot. Es sind zwei Fallen hintereinander. Schließlich begreift man, dass sich die Fallen auseinander ziehen lassen. Es kann weitergehen. Es wird weitergehen.

Limbo

Schon wenige Meter hinter den ersten beiden Bärenfallen findet man eine weitere. Doch diese liegt nicht im Weg, ist nicht gefährlich. Sinnlos? Vor der Falle hängt ein Seil von einem Ast, daran baumelt ein undefinierbares etwas. Dass es von Fliegen umschwirrt wird, lässt böses erahnen. Das Seil soll helfen, um auf einen Felsvorsprung zu gelangen. Doch das klappt nicht, der Kadaver und der Junge zusammen am Seil biegen den Ast zu weit nach unten. Man könnte doch die Falle unter das Seil legen, wenn der Kadaver dann tief genug kommt… Kein schwieriges Rätsel, doch zeigt es deutlich, dass in Limbo Tod und Rettung nah bei einander liegen. Spätere Aufgaben werden komplexer. Kisten verschieben, Brücken bauen, die Schwerkraft nutzen, ganze Räume zum Rotieren bringen. Oft gelingt es den Entwicklern, den Spieler in die Irre zu führen, ihn erst etwas falsches versuchen zu lassen – was dann regelmäßig mit dem Tod endet. Hat man aber schließlich die zündende Idee, ist das wohlige Gefühl des Erfolgs umso stärker.

Der düstere Grafikstil macht einen großen Teil der beklemmenden Atmosphäre aus, ist aber doch nur ein Teil des Ganzen. Die Klanguntermalung ist minimalistisch. Man hört den Wind, das Tappsen der Schuhe, ab und zu ein Tier. Besondere Szenen werden auch musikalisch untermalt – nach der vorherigen Stille wirkt das natürlich umso stärker.

Limbo

Es wird während des gesammten Spiels kein einziges Wort gesprochen, es gibt keine Texte, keine nicht-spielbaren Szenen. Die Todesanimationen sind alle nichts für schwache Nerven, obwohl und weil auch sie nur stilisiert stattfinden. Doch auch dies ist ein wichtiger Teil der Inszenierung.

Faszinierend auch, dass in Limbo nicht gekämpft wird. Man selbst hat keine Möglichkeit anzugreifen und die sporadisch auftauchenden Gegner lassen es nicht erst zu einem Kampf kommen. Es bleibt nur die Flucht. Auch hier werden, wie bei den Fallen, aus Feinden machmal Helfer – ungewollt, natürlich.

So wird Limbo zu einem Kunstwerk, einem emotionalen Trip in die Abgründe einer unbekannten Welt. Trauer, Entsetzen, ja sogar Ekel und totale Verstörung, Erleichterung und Freude gehen hier Hand in Hand und lassen den Spieler mehr als einmal atemlos vor dem Bildschirm innehalten.

Limbo gibt es im Xbox-Marketplace für 1200 Punkte, was etwa 14€ entspricht. Bei einer Spielzeit von drei bis sechs Stunden ein recht happiger Preis, und doch ist Limbo jeden einzelnen Euro wert, weil auch nach dem Abspann ein Gefühl bleibt, wie man es sonst nur von guten Büchern oder Filmen kennt. Soetwas vergisst man nicht.

Kunst eben.

Limbo ist schwer zu erklären, auch der Trailer schafft das nicht. Wer jetzt noch NICHT mit dem Gedanken spielt, sich Limbo zu kaufen, der kann dieses Gameplay-Video anschauen, das einen längeren Abschnitt des Spiels zeigt, inklusive Lösungen.

Limbo ist Teil des Summer of Arcade.

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