Ken Folletts Winter der Welt macht es sich zu einfach

Eigentlich wollte ich Winter der Welt gestern nur mal kurz erwähnen, aber jetzt ist doch mehr draus geworden. Darum nochmal als eigener Beitrag.

Gerade erst beendet habe ich den zweiten Teil von Ken Follets Jahrhundertrilogie, Winter der Welt. Ich kann von mir behaupten, fast alle Follett-Romane gelesen zu haben – und: es stimmt. Folletts Geschichten sind interessant und spannend geschrieben, sehr unterhaltsam also. Mit seiner Trilogie hat er sich aber übernommen.

Das erste Buch, Sturz der Titanen, gefiel mir noch sher gut, mit Teil 2 bin ich aber nicht mehr richtig warm geworden. Das drückt sich schon dadurch aus, dass das Buch streckenweise auch mal wochenlang nur unmotiviert neben dem Sofa lag. Das ist ganz schön untypisch, der gemeine Follett liest sich eigentlich flott weg.

Woran liegts? Follett will die Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählen, anhand der Geschichten einiger Familien aus England, Deutschland, Russland und den USA, die sich untereinander vermischen und in den Mühlen der Geschichte zermalen werden oder aber als Helden aus ihnen hervorgehen. Klingt nach einer guten Idee, geht aber nicht auf. Durch die vielen Handlungsträger- und Orte bleibt für eine tiefgreifende Entwicklung der Protagonisten keine Zeit. Richtiger: Follett nimmt sich nicht genug Zeit. Denn beide Bücher haben jeweils über tausend Seiten. Da sollte mehr drin sein. Das Lied vom Feuer und Eis etwa hat auch viele Handlungsträger und Orte und ist dabei aber viel detailreicher als Folletts aktueller Roman.

In der deutschen Familie gibt es etwa den Sohn Erik. Der wird, ganz im Gegensatz zu allen anderen in der Familie und deren Bekannten zum bekennenden Nazi. Innerhalb weniger Sätze. Etwa nach der Art „Erik kam mit der Uniform der Hitlerjugend nachhause.“ Lange diskutiert wird das nicht, es gibt höchstens zwei, drei kurze Sätze, dann wird das Thema gewechselt. Auch im weiteren Verlauf scheint diese Konstellation keine allzu großen Probleme zu machen, zumindest wird das fast nie thematisiert. Dann ist Krieg und Erik sieht an der Ostfront, wie die SS gefangene Zivilisten erschießt. Dann erkennt er plötzlich, dass alle anderen Recht hatten und die Nazis Mörder sind. Auch wieder gefühlt innerhalb einer halben Seite. Und nach der Befreiung ist er dann plötzlich ein eifriger Kommunist. Ein anderes Beispiel wären die mehrfach vorkommenden Spionenanwerbungen. Der Anzuwerbende ringt mit sich, weil er einerseits den Krieg verhindern/Frieden erhalten will, andererseits sein Land nicht verraten. Der Werber antwortet dann mit „wenn du das nicht macht, werden noch viel mehr deiner Landsleute sterben“. Und schon ist der Zweifel weg, zwei Tage später gibts dann die geheimen Pläne. So kurz angebunden geht es leider viel zu oft.

Es ist auch nicht glaubwürdig, dass so viele wichtige Ereignisse auf so wenige Familien zurückzuführen sind. Als da wären die Gründung des Völkerbundes, der Sturz des Zaren, die Aufdeckung von Unternehmen Barbarossa, die Entschlüssellung japanischer Geheimcodes im Pazifikkrieg, die Teilung Deutschlands, den Marshallplan und die Überlieferung der Bauplände für die Atombombe an die Sowjetunion. Und so weiter. Klar. Im ersten Teil hat das noch nicht so gestört, im zweiten nimmt es aber überhand. Ich meine auch, dass „Sturz der Titanen“ sich mehr Zeit gelassen hat für einzelne Szenen und die Charakterentwicklung allgemein, es bot einfach mehr Potential für Empathie (und damit natürlich auch Sympathie) mit den Protagonisten.

Auch auffällig sind einige stilistische Schwächen. Am ärgsten gestört hat mich, dass immer wenn eine Frau vorgestellt wird, diese natürlich „atemberaubend“ sein muss. Ernsthaft? Ich weiß aber natürlich nicht, ob das an Follett oder dem Übersetzer liegt. Mir ist sowas bei früheren Follett-Büchern nicht aufgefallen, dass kann auch an einer „veränderten Wahrnehmung“ meinerseits liegen 😉

Nachträglicher Einschub: Prima, der FAZ ist das auch aufgefallen:

Eine „umwerfend schöne Frau“ nach der anderen tritt „atemberaubend“ auf, zunehmend allerdings auch an Tisch wie Bett auf eigene Rechte pochend.

Das klingt jetzt wahrscheinlich schlimmer als es ist, denn interessant ist es schon, wenn persönliche Schicksale auf Weltgeschichte treffen, und einige der Episoden bieten auch die gewohnte Follett-Spannung, vor allem die Szenen im spanischen Bürgerkrieg. Winter der Welt ist daher auch kein schlechtes Buch, aber es wird seinem Ansinnen nicht wirklich gerecht. Zumal es als „Krieg und Frieden“ im 20. Jahrhunderts vermarktet wird. Nun habe ich von Tolstoi nur Anna Karenina und Auferstehung gelesen und Krieg und Frieden gerade nicht, aber das ist ganz sicher eine andere Klasse.

Eine Empfehlung mag ich daher nicht aussprechen, wobei man da ja auch mit Teil 1 anfangen sollte. Allerdings interessiert mich schon, was Follett sich für den letzten Teil im Kalten Krieg ausdenkt.

PS: Die auf Wikipedia gesammelten Rezenssion klingen übrigens allesamt deutlich wohlwollender.

PPS: Ausgerechnet die Welt siehts ähnlich, siehe So grausam war der Spanische Bürgerkrieg:

Etwa, warum der erste Band seiner Jahrhundert-Saga so fesselnd, berührend, einfühlsam, detailreich und so nah an der historischen Realität war – mit einem Personal, das so vielschichtig angelegt ist, dass einem auch die Bösen noch sympathisch sind – und warum der zweite, soeben erschienen, von alledem so wenig hat?

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