Gastkritik: Feuerherz

Ein Gastbeitrag von Koloradokaefer

Aus dem Buch von Senait Mehari wurde ein Film. Und der wird, wie das Buch, äußerst kontrovers diskutiert. Aber zuerst zum Film, dann zur Kontroverse.

Anfang 2004 präsentiert uns Luigi Falorni die Geschichte vom Weinenden Kamel. Genau 5 Jahre später kam nun die Verfilmung von Feuerherz auf die Leinwand. Erzählt wird die Geschichte der sechsjährigen Awet.

In Eritrea herrscht Krieg. Verfeindete Rebellengruppen kämpfen gegeneinander für die Unabhängigkeit von Äthiopien. Awet wächst in einem Kloster in der heutigen Hauptstadt Asmara auf: Gut behütet von italienischen Nonnen, abgeschirmt vom Bürgerkrieg. Eines Tages, der Vater hat sich seines Kindes besonnen, wird Awet von ihrer älteren Schwester Freweyni zur Familie zurückgebracht.

Auf der langen Busfahrt von der Hauptstadt ins Heimatdorf der Familie wird der Betrachter langsam von der Wirklichkeit des Bürgerkriegslandes eingeholt. Am Straßenrand stehen ausgebrannte LKWs und hin und wieder heißt es an einer Straßensperre: Aussteigen, Auspacken und Hoffen. Die neu gewonnene Heimat stellt sich für Awet aber schnell als Katastrophe heraus. Die Mutter ist tot und die neue Frau des Vaters, der sich in der Kneipe regelmäßig prügelt, verachtet die Kinder ihres Mannes.

Irgendwann werden Verwundete aus Nachbardörfern auf LKWs herbeigefahren. Jede Hand wird gebraucht und der Vater entscheidet sich schnell, seine Töchter der Befreiungsarmee anzuvertrauen. Mit dem Satz „Ihr seid nun Töchter Eritreas” verabschiedet er sich am Eingang des Camps, um zur Kneipe zurückzukehren.

Man muss nicht lange warten, bis die größeren der Kinder bewaffnet werden. So auch Awets Schwester Freweyni. Und weil es für die Waffenträger im Camp mehr zu essen gibt, entschließen sich Awet und ihre schnell gewonnenen Freunde den Zustand der Waffenlosigkeit zu beenden. Letztlich kommt es wie es kommen muss: Die feindlichen Rebellen nähern sich dem Lager, aus dem zuvor so lustigen Kinderspiel wird Ernst. Hier erspart sich der Film glücklicherweise das größte Gemetzel. Die Anzahl der Lebendigen nimmt aber von einer Minute zur anderen deutlich ab. Auf der Suche nach einer anderen Einheit der Befreiungsarmee gelangt die Truppe, kommandiert von hasserfüllten Kämpferinnen, schließlich an die sudanesische Grenze. Awet, Freweyni und Haile entschließen sich zur Flucht. Nach langer Wanderung durch die Wüste treffen sie auf eine Karawane. Hier endet die Geschichte leider etwas abrupt mit dem Hinweis, dass sie nun in Europa leben.

Der Film ist immer wieder untermalt von herrlichen afrikanischen Klängen. Für den interessierten Programmkinogänger ist Feuerherz auf jeden Fall eine Reise wert.

Damit zur Kontroverse: Um des Trios Bitte nach einer vernünftigen Filmkritik nachzukommen, sah ich mich genötigt ein wenig zu recherchieren und stieß sehr schnell auf eine Menge Unbefriedigendes.

Bei dem Buch „Feuerherz” handelt es sich (angeblich) um die Autobiografie von Senait Mehari. Weil sie das Buch nicht alleine schreiben wollte, machte sie sich 2003 auf die Suche nach einem Journalisten, der ihr zur Seite steht. Das gestaltete sich aber gar nicht so einfach. Peter Disch von der TAZ lehnte ab Jan Feddersen von der TAZ lehnte ab [korrigiert nach Hinweis von Peter Disch] ‒ und packte später bei Zapp (NDR) aus: Das Buch sei von vorn bis hinten gelogen. Zapp führt Zeitzeugen vor, die angeblich mit Senait Mehari das Militärcamp ‒ bzw. die Schule, wie sie meinen ‒ besucht haben: Keine Waffen, keine Gewalt und vor allem keine Kindersoldaten. Die Berliner Zeitung hält dagegen und behauptet „Selbst, wenn die Geschichte erfunden worden wäre, wäre sie an der historischen Wahrheit entlang erfunden.”

Was wahr ist und was nicht, wissen wir nicht. Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack. ‒ Aber der Besuch im Kino lohnt sich trotzdem!

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