Fatales Marketing I: Ich bin freundlich

Discounter haben offenbar nicht nur Discountpreise, sondern auch Discount-PR-Manager. Die kreieren für teures Geld billigste PR-Strategien. Austauschbare Werbesprüche wie „Billig Billig“ oder „Wir haben die billigsten Preise“ (wer bitte kauft Preise?) reichen da schon lange nicht mehr. Der Kunde will beeindruckt werden, er will Alleinstellungsmerkmale sehen. So denken sich das zumindest die Marketingexperten vom Netto Marken-Discount.

Wie angelt man sich den Kunden nun also? Ganz einfach: Man pappt jedem Mitarbeiter ein Schild auf die Brust, auf dem fett und rot geschrieben steht „Ich bin freundlich!“, daneben ein breit grinsendens Smiley und klein darunter der Name des Mitarbeiters.

Das ist wirklich eine tolle Idee. Da man Freundlichkeit bekannterweise weder hören noch sehen kann, teilt man sie einfach auf diese Weise mit. So werden die neuen Kunden in Massen in die Netto-Märkte strömen.
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Da fragt man sich doch, was für Menschen eigentlich auf solche bescheuerten Ideen kommen?

So eine Aktion bewirkt doch das genaue Gegenteil ihres eigentlichen Zwecks. Welcher Kunde denkt denn beim Lesen von Ich bin freundlich tatsächlich, dass die Verkäuferin freundlich ist? Dieser Spruch vermittelt doch etwas ganz anderes:

Hallo, da ich oft total im Stress bin und eine Scheißlaune habe, merkt man mir überhaupt nicht an, dass ich freundlich bin. Deshalb steht es hier extra nochmal auf dem Schild. Eigentlich bin ich nämlich sehr freundlich. Doch, wirklich! Steht doch auch hier!

Von den Kunden wird das übrigens auch genau so aufgenommen.

Wie dieser Unsinn Zustande kam lässt sich ziemlich leicht vorstellen: Frau Müller, rufen Sie mal in unserer PR-Agentur an und sagen sie denen, die sollen sich eine kostengünstige Maßnahme für ein besseres Einkaufsklima in unseren Filialen ausdenken.

Drei Monate und 6 Millionen Euro später hatte Herr Netto dann den Entwurf des neuen Namesschildes auf dem Tisch liegen.

Mensch ist das gut, nur 2 Cent Druckkosten pro Schild. Frau Müller, Rundschreiben an alle Filialen. Ab nächstem Montag trägt jeder Mitarbeiter so ein Schild. Sie auch!

Dabei ist eine echte Verbesserung der Beziehung Kunde-Verkäufer überhaupt nicht so schwer zu erreichen – nämlich durch Verbesserung des Arbeitsklimas.

Wie das geht? Ganz einfach, man muss nur … moment, erstmal Geld her!

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5 Antworten auf Fatales Marketing I: Ich bin freundlich

  1. Lili Marlen sagt:

    Statt “Ich bin freundlich” könnte genauso “Arbeit macht frei” oder “Kraft durch Freude” aufs schild

  2. onkelerika sagt:

    Das streite ich entschieden ab. Da besteht ja wohl ein ganz erheblicher qualitativer Unterschied.

  3. Mehlstaub sagt:

    Zweiter Anlauf: Gerade hatte ich schon einen Kommentar verfasst. Beim Druck auf das Ampercentzeichen war der Text plötzlich weg?! Naja, was ich schrieb war etwa dieses hier:

    Du denkst auch nur ans Geld! 😛

    An dieser Werbekampagne könnte sich Lidl mal ein Beispiel nehmen und zum Gegenschlag ansetzen: Dort gibt es dann Stirnbänder mit der Aufschrift “Prima Arbeitsklima!”

  4. Nettoangestellte sagt:

    hi ihr Lieben…schreibt doch sowas mal bitte direkt auf der webseite von netto!
    Wir Verkäuferinnen werden tagtäglich von den Kunden direkt deswegen angepöbelt, ausgelacht, verhöhnt usw.

    Eine Kundin meinte letze Woche zu mir:”Müssen sie das tragen? Das ist ja entwürdigend!”
    Ein anderer: “was soll der scheiß da? entweder sie sind freundlich oder nicht…das erwarte ich von ihnen und nicht son Schild!”

    Klasse oder?

    Leider sieht das die Chefetage von netto wohl nicht so…bzw. macht sich nicht die mühe mal solche blogs wie den hier zu lesen um zu sehen wie die Kunden drauf reagieren…

    HELFT uns bitte!!! Schreibt Mails an die Herrschaften da oben!!

    Danke, danke danke!!!

  5. onkelerika sagt:

    Hallo und danke für den Kommentar!

    Ich arbeite ja selbst (pauschal) bei Netto und kann daher gut nachvollziehen, was man sich da so anhören muss. Ich habe bislang weder von Kollegen noch von Kunden positives über diese Schilder hören können – gegenüber letzteren flüchte ich mich dann immer in Sarkasmus, aber das ist ja kein Zustand.

    Ich überlege mal, wie man die Verantwortlichen auf diesen Unsinn aufmerksam machen kann, ohne dabei sich selbst oder die Kollegen zu kompromittieren.

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