Emily Jane White – Live und in fantastisch

Ode to SentienceWer nach einem Emily Jane White-Konzert meint, die Musik wäre seicht, hat ein Problem. Entweder ist man taub, kehrt sich verdrückt aus oder hat einfach keine Ahnung von Musik und redet dummes Zeug. Dann gäbe es volles Pfund aufs Maul. Zum Glück klärte der sprachlich Verwirrte den Fall schnell zufriedenstellend auf und alles ward gut. Ist doch die Musik der kleinen Kalifornierin alles andere als seicht. Denn ist etwas seicht, so fehlt es ihm an Tiefe, wenn man es nicht gar als schlecht bezeichnen mag. Emily Jane Whites Musik aber ist ganz und gar nicht seicht. Ruhig? Ja. Aber kräftig und mit einer unheimlichen musikalischen Tiefe. Sich selbst auf der Gitarre begleitend und von einigen Musikern unterstützt, singt die Songwriterin mit ihrer wunderschönen Stimme ihre melancholischen bis düsteren Songs. Man verliert sich leicht in den melodischen Stücken, sinkt mit ihnen in eine lyrische Welt, in der Verlust und Tod eine zentrale Rolle spielen:

Oh the devil came between she and I,

oh on the floor I did lie

Why did they take her?

What did they say?

Why did they take her?

Take her away… (The Baby)

Doch viele der Stücke sind mehr als bloße persönliche Befindlichkeiten. Nicht offensichtlich, aber doch spürbar arbeitet White auch Gesellschaftskritik in ihre Texte ein. John Garmon vergleicht sie mit den Büchern Cormack McCarthys. Ziemlich treffend, beschreiben beide in ihren Werken mit wenigen, fast minimalistischen Sätzen doch komplexe Gedanken und Gefühle:

I hope that you listen up America

Now that the bones are laid upon the grave

A giant flood took Louisiana

But it took more than just the city of new Orleans (Victorian America)

Drei Alben hat sie mittlerweile veröffentlich, wovon das letzte pressfrisch und mit Ode To Sentience betitelt ist. Zur Belohnung des Konzertbesuchs in der Groovestation gabs das Album noch vor offiziellem Verkaufsstart – mit Autogramm! Darüber habe ich mich besonders gefreut und tue es auch jetzt noch. Der Auftritt war toll und Emily bleibt als sehr sympathische Frau in Erinnerung.

Außerdem fühle ich mich mal wieder darin bestätigt, dass ich Live-Musik hören und sehen will und nichts von Club-Partys halte: Man trifft hier einfach echte, nette Menschen, sowohl auf als auch vor der Bühne. Ganz anders, als diese bis zur Hässlichkeit aufgetakelten Plastepuppen mit drei Meter hohen Absätzen und den zugehörigen braungeätzten Hemdträgern (wahlweise rosa oder weiß) mit Spucke im Haar. Als ich im Sommer zum Dota-Konzert war, konnte ich das schön beobachten. In der Nähe der Tante Ju sind einige Clubs mit der typischen Bumm Bumm-Musik. Beim Warten an der Straßenbahnhaltestelle konnte man dann zweifelsfrei ausmachen, wer welches Etablisment besucht hat.

Emily Jane White wurde mir übrigens von Last.fm empfohlen, weil ich viel eine andere Frau White höre: Simone White. Die beiden haben nicht nur namentliche Ähnlichkeiten. Auf jeden Fall habe ich mir daraufhin die beiden Alben Dark Undercoat und Victorian America heruntergeladen, Deppen würden auch sagen raubkopiert. Weil mir die Musik so gut gefiel, bin ich dann zum Konzert gegangen und habe dort zwei ihrer Alben gekauft. Take that, Music Industry!

Unbedingt mal reinhören!

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Eine Antwort auf Emily Jane White – Live und in fantastisch

  1. Koloradokäfer sagt:

    Bei allem Ausdruck der zutiefst freundschaftlichen und in voller Leidenschaft ausgewaideten Verachtung, habe ich doch wohl einen Anspruch darauf groß geschrieben zu werden: Es heißt „der Verwirrte“!

    Deiner seichten Musikempfehlung und der allgemeinen Empfehlung von Live-Konzerten ist ansonsten nichts, auch nichts Dümmliches, hinzuzufügen.

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