Du sollst nicht spielen

So ähnlich könnte das Fazit des Kongress „Computerspiele und Gewalt“ lauten. Ich war zwar nicht dabei, auf golem.de hat man aber den dort verzapften Unsinn so kommentiert, wie ich ihn mir anhand des Ablaufplans vorgestellt habe. Ich möchte hier nur einige wenige Zitate herausgreifen und hervorheben, die mir besonders aufgestoßen sind.

(zwischen den einzelnen Zitaten wurden Textstellen ausgelassen)

Gentile zielte damit auf mehr Medienkompetenz bei den Eltern. Dem erteilte der Schulpsychologe Doktor Werner Hopf eine klare Absage: „Das ist eine Phrase, die von der Industrie seit den 90er Jahren verbreitet wird.“ Eltern könnten heute keine Medienkompetenz vermitteln, „weil die Eltern selbst nicht medienkompetent sind – mindestens 50 Prozent“.

Laut der Ergebnisse des KFN haben dabei in der fünften Klasse, also im Alter von zehn bis elf Jahren, 21 Prozent der befragten Kinder schon einmal ein Spiel gespielt, das erst ab 18 Jahren freigegeben ist. 18 Prozent spielten in der fünften Klasse regelmäßig ein Spiel, das erst für 16- oder 18-Jährige gedacht ist.

Der Psychologe Thomas Mößle vom KFN erklärte, wenn Kinder ab der dritten Klasse entsprechende Spiele gespielt hätten, würden sie in der fünften Klasse dreimal häufiger zu realer Gewalt neigen, als wenn das nicht geschehen sei.

Mößles KFN-Vortrag erhielt vom Publikum, das weniger aus Wissenschaftlern, sondern aus zahlreichen Lehrern und interessierten Eltern bestand, viel Beifall. Nahezu stürmischen Applaus bekam dann der folgende Redner, Rainer Fromm.

Anschließend zeigte Fromm dem manchmal entsetzt aufstöhnenden Publikum unter anderem Szenen aus den Titeln GTA San Andreas, Fight Club, Backyard Wrestling und Der Pate.

Regine Pfeiffer, die Schwester des KFN-Chefs Christian Pfeiffer, meldete sich aus dem Publikum zu Wort. Sie habe versucht, gegen den Publisher eines Spiels zu klagen. Bei „Electronic Arts, dieser Schweinefirma“, so Pfeiffer wörtlich, sei ihr aber wenig Erfolg beschieden gewesen, da der Entwickler des Spiels im Ausland sitze.

Für Herrmann kann es deshalb nur eine Konsequenz geben: mehr Gewalt verherrlichende Spiele und Medien zu indizieren oder, im Falle von Killerspielen „wie ‚Grand Theft Auto IV‘ oder ‚Der Pate – Don Edition‘, in denen der Spieler auf extrem grausame und brutale Art Menschen niedermetzelt“, ein Verbot auszusprechen.

Moment mal. Die Eltern haben keine Medienkompetenz? Zehnjährige spielen GTA? Ja, das kann ich mir vorstellen. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich das problematisch auf die psychische Entwicklung eines Kindes auswirken kann. Gar nicht verstehen kann ich die Schlussfolgerung. Ein Verbot von Spielen, wenn den Eltern die Medienkompetenz fehlt?

Wie viel Medienkompetenz braucht man um zu erkennen, dass ein Viertklässler kein GTA spielen sollte? Wenn Eltern nicht erkennen, dass ihre Kinder in diesem Alter noch keinen Tatort, anschauen sollten – würde man dann den Tatort verbieten wollen?

Es ist doch erschreckend, dass Eltern und Lehrer solchen Ideen auch noch Beifall zollen. Da kommt der Verdacht auf, dass hier Verantwortung abgewälzt werden soll. Eine Verantwortung allerdings, die sich nicht übertragen lässt. Wenn die Eltern schon die nötige Medienkompetenz fehlt, dann werden sie erst recht nicht wissen, was sich ihre Sprösslinge so alles aus inoffiziellen Quellen besorgen können – daran ändern Verbote rein gar nichts.

Mich würde auch interessieren, wie viele der anwesenden Zuschauer und Vortragenden tatsächlich aus eigener Erfahrung Ahnung von der Videospielmaterie haben. Erfahrungsgemäß teilen sich die Spielekritiker in zwei Lager. Da wären die einen, die dieses Teufelszeug nicht anrühren. Sie wissen nur durch Berater oder durch von ihnen „beauftragte Expertisen“, warum die Spiele denn nun so schlimm sind. Als zweite Gruppe gibt es jene, die auf die Frage nach ihren eigenen Spielerfahrungen selbstsicher auf Die Sims oder Age of Empires verweisen. Beides bekannte Spiele, beide alles andere als aktuell. Wie kann man sich anmaßen, über etwas diskutieren (beschönigend für verbieten) zu wollen, von dem man keine Ahnung hat? Diese ahnungslose Arroganz zeigt sich auch an der Beschimpfung des Spieleherstellers und -publishers Electronic Arts durch Frau Pfeiffer. Den Großteil der von EA veröffentlichten Spiele stellen die Sport- und Rennspiele, sowie Strategiespiele dar. Ganz davon abgesehen, dass ein Begriff wie „Schweinefirma“ in einem als wissenschaftlich bezeichneten Diskurs absolut disqualifizierend sein sollte.

Es gilt also, die Medienkompetenz der Eltern zu erhöhen. Anstatt über unsinnige Verbote zu diskutieren, müssen Wege gefunden werden, die Eltern an die „neuen Medien“ – die nun so neu nicht mehr sind – heranzuführen. Oder man wartet einfach ab, denn irgendwann wird die mit Computern aufgewachsene Generation die Reihen der Politiker vollständig durchdrungen haben.

Daher auch meine Voraussage: Dieser Kongress war zwar der erste seiner Art weltweit, doch vermute ich, dass er in dieser Form auch der letzte bleiben wird. Denn bislang konnten Politiker einfach „gegen Computerspiele“ agitieren, weil sie mit gängigen Vorurteilen spielen und so auf die Gunst vieler Wähler hoffen durften, ohne dabei jemanden ernsthaft auf den Schlips zu treten. Das hat sich aber in den letzten Monaten grundlegend geändert.

  • Die Wii hat einen gigantischen Markt an Gelegenheitsspielern (Casual Games) erschlossen – und auch Gelegenheitsspieler sind Spieler.
  • GTA IV hat einen unglaublichen Hype erzeugt, der quer durch die deutsche Medienlandschaft ging. In den Feuilletons mit durchgehenden lobenden Worten für das Spiel.
  • Crysis, das Spiel mit der besten Grafik kommt von einem deutschen Entwicklerteam.
  • Köln streitet sich mit Leipzig um die Games Convention. Eine Messe rund ums Thema Computer- und Videospiele, die 2002 außer Leipzig keiner haben wollte und die nun die größte Messe ihrer Art weltweite ist.
  • Ebenfalls in Köln finden zum ersten Mal auf deutschem Boden die World Cyber Games statt, mit 850 Spieler aus 78 verschiedenen Nationen.
  • Sender wie Pro7 zeigen teilweise in einem einzigen Werbeblock Spots für ein halbes Duzend neuer Vollpreisspiele – von Titeln wie Fifa 09 und dem neuen Tomb Raider bis hin zu Fallout 3 (was wohl auch in den Kreis der zu verteufelnden Spiele gehörte).
  • Der Deutsche Kulturrat nimmt den Verband der Computerspiele-Entwickler als neues Mitglied auf – Computerspiele werden zum Kulturgut.

Dieser Entwicklung wird in einigen Bundesländern bereits Rechnung getragen, in Bayern wird es aber wohl noch einige Zeit brauchen. Doch irgendwann wird man auch dort erkennen: Die Computerspielindustrie ist eine echte Marktmacht, die im Gegensatz zur Musikindustrie weiterhin steigende Gewinne verbucht. Wer sich als Politiker gegen diese Entwicklung stellt, schießt sich selbst ab. Denn wer möchte schon, das erfolgreiche Unternehmen ins Ausland abwandern?

Ich habe also Hoffnung, dass wenn dieser Kongress auch im nächsten Jahr wieder stattfinden wird, er unter anderen Vorzeichen steht.

Derweil habe ich mich entschlossen, hier ab und zu auch mal ein Computerspiel vorzustellen. Aber ich habe ja in meinem Bloggerleben schon so einiges in Aussicht gestellt 😉

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