Die Toten Hosen – In aller Stille

Der Name ist natürlich kein Programm – „still“ ging es nur im Wiener Burgtheater zu. Das war live. Im Studio hingegen haben es die Hosen mal wieder krachen lassen und bringen vier Jahre nach der letzten Studioveröffentlichung „Zurück zum Glück“ eine neues Album auf den Markt, der dem Vorgänger weder in Härte noch Geschwindigkeit nachsteht. Aber gerade dieser Vorgänger konnte nicht so richtig überzeugen, auch die Band selber ist nicht wirklich damit zufrieden.

Es stellen sich also hauptsächlich zwei Fragen, die man recht knapp beantworten kann.

Ist In aller Stille besser als sein Vorgänger? – Ja, definitiv.
Kann es sich mit „Auswärtsspiel“ und „Opium fürs Volk“ messen? – Nein, leider nicht.

Es geht aber natürlich auch ein wenig ausführlicher. Zu Strom hatte ich mich ja schon geäußert – das Stück rockt, ist der erste Höhepunkt des Albums und wird wahrscheinlich fester Konzertbestandteil werden.

Innen alles neu ist textlich interessant. Nicht, weil es sonderlich ausgeklügelt gedichtet ist, sondern weil das Thema Religion und Tote Hosen neulich schon zu Diskussionen geführt hat. So antwortet Campino auf die Frage eines Fans:

Was bedeutet für euch die Religion?

Nur weil wir ein kritisches Verhältnis zur christlichen Kirche haben, heißt das noch lange nicht, dass wir nicht gläubig sind. Wir setzen uns mit der Kirche auseinander, weil sie uns noch interessiert und wir das Gespräch suchen. Wären wir Atheisten würden wir uns um andere Dinge kümmern.

Auch ein Interview im Spießer sorgte ein wenig für Verwirrung. Nichtsdestotrotz meine ich, dass dieses Lied ironisch gemeint ist. Wehe wenn nicht! Musikalisch eher belanglos.

Den zweiten Höhepunkt stellt Disco dar. Dance-Beats und Elektroklänge führen in bislang unbekannte Klanggefilde. Das klingt frisch und unkonventionell, dazu ein guter Text über den typischen Discobesuch(er). Trotzdem erinnert das Lied an ältere Stücke, ohne Namen nennen zu können. Ein Problem(?), dass gerade auf diesem Album viele Titel betrifft.

Nach dem guten Teil von mir (kommt mir auch bekannt vor) folgt das Duett Auflösen. Ja, richtig ein Duett. Das gab es zuletzt vor 21 Jahren bei „Im Wagen vor mir„. Diesmal singt Campino zusammen mit der Schauspielerin Birgit Minichmayr, deren Stimme perfekt zu der des Hosen-Frontmanns passt. Tolles Lied.

Leben ist tödlich. Gut.

Ertrinken erzeugt eine recht atmosphärische Stimmung, sehr ernst – wie überhaupt das gesamte Album.

Alles was war ist ok, Pessimist eindeutig eines der schwächsten Stücke des Albums.

Auch von irgendeiner anderen beliebigen Deutschrockband stammen könnte Wir bleiben stumm, von daher eher Mittelmaß, der Text geht aber in Ordnung.

Es folgt: Die letzte Schlacht, das beste Stück des Albums. Ein sehr eingängiger Rhythmus, gut singbare Melodie, sprich: Ohrwurm. Vielleicht der einzige echte auf „In aller Stille“. Und der Text erst:

Wir sind ’ne schweigende Armee
Macht euch auf was gefasst
Wir sind die graue Masse
Die kein Geheimnis hat
Weil man alles von uns weiß
Und uns ständig kontrolliert
Unsere Wege verfolgt und einstudiert

Auf der Suche nach der Norm
Forscht man uns akribisch aus
Speichert Informationen
Über unseren Lebenslauf
Was wir tun und was wir lassen
Wie wir denken, wie wir fühlen
Was wir mögen, was wir hassen am System

Schade, dass nicht noch mehr Lieder dieses Kalibers auf der CD sind!

in der Tradition von „Wofür man lebt“ und „Nur zu Besuch“ steht Tauschen gegen dich, ist aber weit von dessen Tiefe entfernt.

Den Schluss macht Angst, düster und unterstützt von Streichern. Schwach und damit kein schönes Ende. Vielleicht hätte man an dieser Stelle doch wieder ein Sauflied einbauen sollen.

Besonders aufgefallen ist mir, dass die Lieder teilweise nicht nur an ältere Melodien der Hosen erinnern, sondern sich auch untereinander teilweise recht ähnlich sind. Das führt dazu, dass man beim Hören von vorn nach hinten die erste Hälfte viel besser findet als die zweite, beim „Rückwärtshören“ die zweite Hälfte dann aber deutlich besser gefällt als vorher. Es fehlen richtige Kracher – außer „Die Letzte Schlacht“ natürlich – und den Texten fehlt ein wenig der alte Biss und Humor.

Trotzdem ist In aller Stille kein schlechtes Album. Besser als „Zurück zum Glück“ und „Disco in Moskau“, um auch mal ein altes Werk zu ächten.
Ganz wichtig: Alle Lieder sind konzerttauglich. Aber mit dem Besuch eines Toten Hosen-Konzerts kann man ohnehin nichts falsch machen – ganz unabhängig vom Album.

Sollte man sich In aller Stille kaufen? – Klar. Es sei denn, man besitzt „Auswärtsspiel“ noch nicht.

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2 Antworten auf Die Toten Hosen – In aller Stille

  1. Matze sagt:

    Nachdem ich das Album mehrmals gehört habe, drängte sich mir zu Beginn ein interessanter Verdacht auf:
    Inwiefern klingen einige Lieder ähnlich bzw. sind nicht eingängig? Klasse ist “Strom”, wobei ich auch “Innen alles neu” und “Disco”, letzteres aufgrund des “Erlebnisberichts”, zu meinen Favoriten gehören. “Tauschen gegen dich” ist eine sehr schöne Ballade, die ich auf die gleiche Ebene wie o. g. stellen würde – mir fällt es schwer, hier zu klassifizieren. Die letzte Schlacht finde ich auch gut, doch auch hier möchte ich mich nicht auf einen Ohrwurm festlegen.
    Ein gutes Album, das muss definitiv festgestellt werden, mit einem soliden Konzept überwiegend guter Lieder, wozu ich auch “Angst” zähle, auch wenn der Schluss des Albums dafür doch ungünstig gewählt ist, da ein merkwürdiger Nachgeschmack verbleibt.
    Ich freue mich über ein ähnlich gutes Album wie “Auswärtsspiel” und noch mehr auf das Konzert in bereits einem halben Jahr…. In näherer Zeit werde ich mir das Album noch mehrmals zu Gemüte führen, um den Geschmack wieder zu festigen 😉

    Näheres zu diesem Satz gibt’s dann persönelich…

  2. onkelerika sagt:

    Also wie gesagt, mit Auswärtspiel würde ich es auf keinen Fall auf eine Stufe stellen. Denn dort haben fast alle Lieder ihren ganz eigenen Stil – ich kann nach einem Takt sagen, welches Stück das ist. Klar, ich kenne das Album nun schon Jahre. Aber höre mal nur die Anfänge von “Innen alles neu”, “Teil von mir” und “Leben ist tödlich an”: Klingt sich das nicht schon verdammt ähnlich? Keine tollen Riffs wie bei “Dankbar” oder “Was zählt”, kein ironisches Lied wie “Kanzler sein”, kein Sauflied 😉

    Auf Auswärtsspiel steht jedes Lied auch stark für sich allein, wodurch sich ein sehr heterogenes Album ergibt. In aller Stille bietet da viel weniger Abwechslung.

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