Die Klasse

„Leider bekommen heute viele junge Menschen Botschaften vermittelt wie: Leistung ist Käse, Kiffen ist geil, haut dem Lehrer auf die Fresse, brecht die Schule ab, ihr könnt auch so ganz viele Autos und Mädels haben. Das kriegen die doch dauernd eingehämmert von diesen Rappern mit ihren Schwachsinnstexten. Das ist einfach Tinnef, da krieg ich einen dicken Hals.“ (Dieter Bohlen)

Das ist wohl nicht nur in Deutschland so, sondern auch in Frankreich. Der ehemalige Lehrer François Bégaudeau erlebte dies am eigenen Leibe, schrieb es danieder, wartete auf die Verfilmung und lies sich dafür als Hauptdarsteller engagieren. Geschickt eingefädelt. Die Klasse ist eben jener Film, der aus den Erfahrungen Bégaudaus mit einer Schulklasse in einer Vorstadtschule von Paris gemacht hat.

Wie darf man sich das Vorstellen? Die Klasse erzählt in diesem Sinne keine Geschichte. Es wird vielmehr der schulische Alltag gezeigt, der sich überwiegend aus Auseinandersetzungen zwischen Lehrern und Schülern speist. Dies zu beobachten, aus einer neutralen Perspektive, die man aus der eigenen Schulzeit so natürlich nicht kennt, ist nicht nur interessant, sondern auch sehr amüsant. Obwohl der Hintergrund der Dialoge und Wortgefechte keineswegs zum Lachen ist, muss und kann man letzteres doch recht oft, weil viele der Missverständnisse und die dargestellte Unkenntnis teilweise einfach zu komisch ist. Das Lachen bleibt einem dann aber auch schonmal im Hals stecken, wenn die Situation eskaliert.

Die meisten der Konflikte entstehen nicht aus Boshaftigkeit oder Absicht, sondern sind in den verschiedenen sozialen und kulturellen Hintergründen der Akteure verankert. Es ist wieder einmal die mangelnde Fähigkeit zur Kommunikation, die hier Barrieren aufbaut. Kein Wunder, haben doch die Schüler ganz verschiedene Migrationsgeschichten, verstehen teilweise gar kein Französisch oder wollen nicht sprechen.

Es wäre aber fatal, nur den Schülern die Verantwortung für die Misere zu übertragen. Als Hauptfigur, wenn man in diesem Film überhaupt von einer Hauptfigur sprechen kann, ist François zu einem gewissen Maße sympathisch angelegt. Dem Zuschauer als unbeteiligtem Beobachter wird klar, dass auch er sich keineswegs immer korrekt verhält – zugespitzt wird dies, als er zwei Schülerinnen als Schlampen bezeichnet und im Nachhinein versucht, den Vorfall herunterzuspielen beziehungsweise ganz zu vertuschen.

Diskutiert das Lehrerkolleg über die Schüler, werden nicht etwa Lösungen für die Probleme gesucht, sondern neue Arten der Sanktionierung gesucht. Sind sich die verschiedenen Lehrkräfte auch nicht einig, wie man die Schüler bestrafen sollte, lehnt man den Vorschlag einer Elternvertreterin, Schüler auch zu motivieren, recht einstimmig ab. Um danach dann über den neuen Kaffeeautomaten zu diskutieren.

Zumindest François scheint versucht den Vorschlag des Lobs in die Praxis umzusetzen, was nicht unbedingt von Erfolg gekrönt ist. Der gelobte Schüler meint, der Lehrer wolle ihn für dumm verkaufen – das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler ist zu stark zerrüttet.

Gegen Ende scheint der Film ein wenig inkonsequent, endet er doch mit einem Friede, Freude, Eierkuchen-Fußballspiel. Der völkerverbindende Gedanke, der so wohl ausgedrückt werden soll, wurde aber vorher schon als absolut nichtig dargestellt.

Das ist aber nur ein kleines Manko an einem sonst großartigen Film. Ein toller Start ins Programmkinojahr!

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