Die Auferstehung: Alles Gute, Tolstoi!

In dieser Woche liest, hört, sieht und riecht man viel von Lew Tolstoi, feiert der gute Mann doch am 20. November seinen einhundertsten Todestag. Oder würde ihn zumindest feiern, wenn er denn noch leben würde. Hierfür bräuchte es eine Auferstehung, doch dazu später mehr. Den meisten bekannt sein dürfte der russische Schriftsteller durch seine beiden Werke Krieg und Frieden sowie Anna Karenina, die beide wohl zu Recht als Klassiker der Weltliteratur betrachtet werden und die ich beide nicht gelesen habe. Eine Schande, ja, und lang soll dieser Zustand auch nicht mehr bestehen bleiben. Habe ich doch erst vor wenigen Wochen den dritten im Bunde kennengelernt: Tolstois letzten Roman Auferstehung, der ungleich unbekannter ist als seine Vorgänger. Zumindest heute ist das so, zur Veröffentlichung soll er sich bedeutend besser verkauft haben als die anderen beiden.

Woran das liegen mag, kann ich natürlich nicht beurteilen, die Wikipedia nennt aber zumindest zwei mögliche Gründe:

Some writers have said that Resurrection has characters that are one-dimensional and that as a whole the book lacks Tolstoy’s earlier attention to detail. By this point, Tolstoy was writing in a style that favored meaning over aesthetic quality.

Eindimensionale Charaktere also und weniger sprachliche Ästhetik. Ersteres ist nicht komplett von der Hand zu weisen, doch sollte man hier beachten, dass weniger ausgefeilte Charaktere der Weltliteratur gemeint sind, keine von der Spiegel-Bestsellerliste. Denn auch so scheinen alle auftretenden Personen fein beobachtet zu sein. Mangelnden Detailreichtum und Ästhetik hingegen kann ich überhaupt nicht bemängeln. Wenn aber Tolstois andere Romane Auferstehung noch übertreffen, dann sind sie wahrhaft meisterlich.

Worum geht es überhaupt? Der adlige Gutsherr Nechljudow, reich und verkommen, wird als Geschworener zu einem Gerichtsprozess geladen. In der Angeklagten erkennt er das Mädchen Maslowa wieder, dass er vor Jahren verführt und dadurch ins Elend getrieben hat. Sie hat einen schlechten Anwalt, die Richter keine Lust und die Geschworenen keine Ahnung. So kommt es, wie es kommen muss: Maslowa wird in die Verbannung geschickt. Nechljudow ist entsetzt, erkennt er doch sowohl den Justizirrtum als auch seine eigene Schuld an der Situation des Mädchens. Er beginnt gegen das Urteil anzukämpfen und findet langsam zurück zu seinen frühen, hohen Moralvorstellungen die ihm im Laufe der Jahre verloren gegangen sind und nun helfen, das viele Unrecht in seiner Umgebung zu erkennen. Nechljudows Auferstehung beginnt…

Obwohl das Buch nun schon vor geschlagenen 111 Jahren aus Tolstois Feder floss, hat es nichts an seiner Faszination verloren. Es ist im Gegenteil überraschend, wie gut lesbar und modern das Werk auch heute noch ist. Nechljudows Sinneswandel ist eindeutig christlich geprägt, aber kein institutionalisiertes Christentum, sondern eher im Sinne der allgemeinen menschlichen Lehren Jesu, angehaucht auch mit sozialistischem Gedankengut. Nicht umsonst wurde Tolstoi nach der Veröffentlichung von der orthodoxen Kirche exkommuniziert.

Die oben erwähnte gute Lesbarkeit steht und fällt mit der Qualität der Übersetzung. Ursprünglich gelesen habe ich es in einer Ausgabe des DDR-Verlages Neues Leben von 1981, in einer Übersetzung von Hermann Asemissen. Aus Neugier habe ich mal zwei zufällig ausgewählte Stellen mit einer anderen Übersetzung verglichen (Ilse Frapan):

Zweiter Teil, Kapitel 5

Nechljudow, der zu den Jungen eher Kontakt fand als zu den erwachsenen Bauern, kam mit ihnen unterwegs ins Gespräch. Der kleinere Bursche im rosa Hemd lachte jetzt nicht mehr, sondern sprach ebenso verständig und gesetzt wie der ältere.
„Wer ist denn hier im Dorf am allerärmsten?“ fragte Nechljudow.
„Am allerärmsten? Michail ist arm, dann Semjon Makarow, und ganz, ganz arm ist auch Marfa.“
„Aber Anissja, die ist noch ärmer“, erklärte der kleine Fedja. „Anissja hat nicht mal ’ne Kuh, und die Kinder gehn betteln.“

Nechliudow fühlte sich behaglicher mit den Knaben als mit den Großen, und er kam unterwegs mit ihnen ins Gespräch. Der Kleine im rosaroten Hemd hörte auf zu lachen und sprach ebenso klug und umständlich wie der ältere.
„Nun, wer ist bei euch am ärmsten?“ fragte Nechliudow.
„Wer der ärmste ist? Michajla ist arm, Semion Makarow, auch Marfa ist sehr arm.“
„Aber Anisja, die ist noch ärmer. Anisja hat nicht mal eine Kuh – die betteln“, sagte der kleine Fedka.

Teil 3, Kapitel 4:

Nachdem er schon als Gymnasiast zu der Erkenntnis gekommen war, daß das Vermögen seines Vaters, eines Intendanturbeamten, auf unlautere Weise erworben war, hatte er dem Vater erlärt, dieses Vermögen müsse dem Volk zurückgegeben werden.

Nach dem er, noch als Gymnasiast, zu dem Schluss gekommen war, das, was sein Vater, ein gewesener Intendanturbeamter, erworben hatte, sei unrechtmäßig erworben, erklärte er diesem, er müsse sein Vermögen dem Volk abgeben.

Natürlich weiß ich nicht, welche Übersetzung dem russischen Original näher kommt. Vermutlich aber ist es die erstere Variante, die von Asemissen. Denn Frapans Stil ist so verschachtelt, distanziert und farblos, dass einem der Spaß am Buch schnell vergeht. Meine Empfehlung ist daher klar, eine Asemissenversion verlegt zum Beispiel der Taschenbuchverlag.

Wer mehr über Tolstoi wissen möchte, hätte sich gestern das Hörspiel Tolstois Befreiung anhören können oder kann dies am Samstag mit Leo Tolstoi: „Und das Licht scheint in der Finsternis“ tun.

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