Dann nehm ich ein viertel Pfund Buch

In letzter Zeit durfte ich mehrfach verschiedenen Leuten dabei zuhören, wie sie sich über zu teure E-Books beschweren. Der Preis sei gegenüber der gedruckten Variante nicht niedrig genug. So ein Quatsch, dachte ich mir. Man bezahlt doch nicht fürs Papier, sondern für die geistige Essenz, die direkt aus den Gehirnen der Schreiberlinge ausgequetscht und in hochverdichtete Buchstaben überführt wird. Man zahlt für den Inhalt. Klar, das Papier kostet auch was. Aber wie viel eigentlich?

Ein Buch

Ein Buch

Um das rauszubekommen habe ich mal wieder keine Mühen und alle Kosten gescheut und mich mehrere Minuten lang informiert. Zunächst mal ein Referenzbuch, nehmen wir einfach ganz zufällig Das Lied von Eis und Feuer 01: Die Herren von Winterfell, das als Taschenbuch 15€ kostet und als Kindle-Edition 11,99€. Es hat 576 Seiten in mäßig-weiß, einen farbigen Umschlag, ist im Format DIN A5 und sieht ziemlich so aus wie man sich ein Buch vorstellt, wenn man denn schon mal eines gesehen hat. Wie viel würde es wohl kosten, sich so ein Buch drucken zu lassen?

Die erste Rechnung

Das sollte sich doch rausbekommen lassen. Eine Recherche bei fünf verschiedenen Druckereien mit Onlinerechner soll uns aufklären ([1],[2],[3],[4],[5]). Die maximale Auflage ist 500 Stück. Für ein von einem Verlag beworbenes Buch eines bekannten Autoren sicherlich deutlich zu wenig, für eine Testauflage für einen Neuautor aber wohl nicht ganz so weit entfernt von einer realistischen Zahl. Angelehnt an unsere Referenz und unter Berücksichtigung der möglichen Vorgaben werden soweit möglich alle Rechnungen mit 500 Seiten, weißem 80g-Papier und vierfarbigem Umschlag in DIN A5 gemacht.

Grob kommt man so pro Exemplar auf einen Preis von 6,00€, inklusive Mehrwertsteuer und Lieferung. Der höchste Preis liegt bei etwa 9,00€, der niedrigste bei 3,90€. Nun ist wie gesagt die Auflage sehr klein gewählt. Schon bei einer Verdopplung auf immer noch wenige 1000 Exemplare lassen sich pro Stück etwa 50 Cent sparen. Nun haben wir die Anfrage auch als Hans Popanz gemacht. Wenn Helga Hopfentee ihre Memoiren drucken lassen will, muss sie dafür nun mal Schmott haben. Ein Verlag hat da ganz andere Möglichkeiten.

Kein Buch

Kein Buch

Denn der lässt in einer Druckerei nicht nur einmal ein Buch drucken, sondern alle möglichen Bücher. Dann druckt der auch nicht nur eine Auflage, sondern auch eine zweite und eine dritte. Und diese Auflagen sind sicherlich auch deutlich höher als nur 500 oder auch 1000 Stück. Unser Referenzbuch hat sicherlich ein aktuelle Auflage im fünffachen Bereich bekommen. Das kann man sich ja recht einfach überlegen. In Deutschland gibt es allein 232 Filialen von Thalia und nochmal 469 von DBH. Bei nur 1000 Exemplaren hätten die alleine nicht mal anderthalb Bücher für jede Filiale.

Ich lehne mich also mal aus dem Fenster und behaupte, für den Druck eines mittelmäßig aufgelegten Buches zahlt ein Verlag nicht mehr als vier Euro.

 

Die zweite Rechnung

Unmittelbar nachdem ich zu diesem Schluss gekommen bin habe ich dann eine etwas andere Aufschlüsselung entdeckt. Auf 1-2-buch.de findet sich diese Erklärung:

Quote:

Der Verkaufspreis Ihres Buches sollte die Produktionskosten decken, die vom Handel erwartete Marge – und Ihnen möglichst noch einen Gewinn einbringen.

Der Buchhandel erwartet mindestens 35% des Verkaufspreises als Marge […], das heißt: Ein gutes Drittel des Buchpreises müssen Sie dem Handel als Gewinn überlassen, wenn Ihr Buch im Handel verfügbar sein soll (für Fach- und Sachbücher sind nach Absprache niedrigere Margen möglich!).

Wenn Ihr Buch im Großhandel zu bestellen sein soll, sollten Sie knapp 60% des Verkaufspreises als Marge einrechnen, weil neben der vom Grossisten erwarteten Handelsspanne noch Nebenkosten und Risikoübernahmen anfallen.

Und außerdem:

Quote:

Wenn Sie größere Stückzahlen absetzen und dem Handel entsprechend höhere Margen anbieten wollen […] oder einfach einen höheren Gewinn erzielen wollen, sollten Sie den Produktionspreis mindestens verdreifachen, eventuell sogar vervierfachen, um den Verkaufspreis Ihres Buches festzulegen.

Im herkömmlichen Verlagsgeschäft gilt als Regel: Die Produktion eines Buches darf maximal 20% des Verkaufspreises ausmachen, damit es potentiell Gewinn abwerfen kann. Mittlerweile sind sogar 25% Produktionskostenanteil nicht mehr selten.

Also 20 bis 25 Prozent des Verkaufspreises. Für die von mir behaupteten 4€ Produktionskosten ergäbe das einen Verkaufspreis von 16€ bis 20€. Oder andersherum gerechnet sind von den 15€ Verkaufspreis 3€ bis 3,75€ Produktionskosten.

War also gar nicht so schlecht aus dem Fenster gelehnt. Zieht man nun diese Produktionskosten ab, kommt man auf 11,25€ bis 12€. Was wiederum dem Verkaufspreis für die Kindle-Edition entspricht. Das klingt fair.

Aber…

Erst bei der Erklärung von 1-2-Buch ist mir ein großer Denkfehler bewusst geworden. Die Produktionskosten sind das eine, das andere aber natürlich die Marge für den Buchhandel. Die fällt für E-Books naturgemäß weg. Zwar müssen auch diese irgendwo verkauft werden, dafür ist aber nicht ansatzweise so viel Geld aufzuwenden wie für einen physischen Verkauf. Günstigsten falls braucht man nur einen PC mit Internetzugang, auf dem eine Software läuft die alles automatisch abwickelt. Oder die Verlage verkaufen ihre Bücher einfach auf der eigenen Webseite. Das spart gegenüber einem Buchladen, der Miete, Mitarbeiter, Lager und was weiß ich alles zu bezahlen hat quasi fast alles an Ausgaben ein.

Zieht man vom Verkaufspreis eines Buches nun die Produktionskosten und die Marge ab, also sagen wir mal 75%, sinkt der Preis auf einmal auf 3,75€. Das ist jetzt nur noch ein Drittel des Preises der Kindle-Edition. Also doch hoffnungslos überteuert? Immerhin kann man E-Books nur schwer verleihen, überhaupt nicht weiterverkaufen (?), nicht verbrennen oder zum Schuhe ausstopfen nutzten. Dafür sind sie allerdings platzsparend und damit leicht tragbar, sie sind gut durchsuchbar und haben immer Lesezeichen und Brille dabei.

Daraus folgt?

Nach obiger Aufschlüsselung sind E-Books im Vergleich zu gedruckten Büchern tatsächlich richtig teuer. Allerdings kommt hier zu tragen, was im ersten Absatz schon erwähnt wurde: Man kauft ein Buch nicht des Dinges, sondern des Inhalts wegen. Wenn obige Rechnung stimmt, bleiben bei 15€ Verkaufspreis noch 3,75€ übrig, die sich Verlag und Autor teilen – gerade die beiden, die für den Inhalt verantwortlich sind (der Verlag durch Beratung, Lektor, und eben das Verlegen überhaupt). Je nachdem, wie viel Arbeit in dem Buch steckt und wie gut es sich verkauft kann das verdammt wenig sein. Da bietet das E-Book eine gute Chance für fairere Bezahlung. Zu günstige E-Books könnten wahrscheinlich auch für einen ziemlich schnellen Niedergang des traditionellen Buchhandels sorgen.

Der Verkaufspreis könnte noch etwas niedriger sein, vielleicht nicht nur die 25%, sondern eher so 40%, aber dann wär es schon gut und für alle ein fairer Deal. Schließlich würden günstigere Bücher sicherlich auch zu mehr Käufern führen.

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