Angela’s Ashes

Ach diese Iren. Leicht haben sie es ja nicht. Sie sind so arm, dass sie schon ihre Schulden abgeben müssen. Dabei sah nach dem Beitritt zur EG doch alles so gut aus. Aufschwung, Aufschwung. Und dann kommen diese drecks dreckerten Drecksbanker und machen alles wieder kaputt. Trotzdem: Früher ging es den Iren noch viel schlechter als jetzt. Wer heutzutage in Irland aufwächst – oder irgendwo anders in der europäischen Union – wird sich kaum vorstellen können, wie es den irischen Kindern noch vor 70 Jahren ging:

When I look back on my childhood I wonder how I survived at all. It was, of course, a miserable childhood: the happy childhood is hardly worth your while. Worse than the ordinary miserable childhood is the miserable Irish childhood, and worse yet is the miserable Irish Catholic childhood

So schreibt es Frank McCourt in seinem Roman Angela’s Ashes. Eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Pulitzer-Preis. Zu Recht.

McCourt schreibt einfach nur über seine eigene Kindheit. Aber wie! Geboren ist er zwar in Amerika, doch die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre zwingt die Familie in der Hoffnung auf bessere Jobchancen zur Rückkehr ins Heimatland Irland. Zu dem Zeitpunkt ist Frank McCourt erst vier Jahre alt. Der Vater hofft auf finanzielle Unterstützung durch die IRA, für die er gekämpft und deswegen Irland auch überhaupt erst verlassn hat. Doch die Organisation hat über ihn nichts in ihren Akten. Kein Geld, keine Hoffnung. Neues Land, alte Armut.

Der Vater findet zwar immer mal wieder Arbeit, fängt aber spätestens nach zwei Wochen an, das freitags ausgezahlte Geld noch am selben Abend in den Pubs zu versaufen. Frau und Kinder sitzen derweil zuhause und trauen sich weder etwas Warmes zu essen, noch überhaupt den Ofen zu befeuern. Sie wissen ja nicht, ob der Vater diesmal Geld mitbringt. Dabei kann man ihm nie so richtig böse sein. In Limerick hat er als Ire aus dem Norden ständig mit Vorurteilen und Ausgrenzung zu kämpfen. Trotz seines Alkopholproblems ist er nicht gewalttägig, kümmert sich teils liebevoll um seine Kinder. Nur um dann wieder das dringend benötigte Geld in Whiskey zu investieren.

Eine Zeit lang lebt die Familie in einer zweistöckigen Behausung, was die Kinder ungemein fasziniert. Das Obergeschoss heißt nach kurzer Zeit Italien, sehr zur Verwunderung einer Gruppe von Leuten, die die Bedürftigkeit der Familie kontrollieren. Erinnert ein wenig an die Hartz IV-Situation. Die Bedürftigkeit ist auf jeden Fall gegeben. Bei starkem Regen, in Irland ja keine Seltenheit, überschwemmt es das Untergeschoss. Im Sommer ist die Luft unerträglich, weil im Haus die „Toilette“ für die ganze Gasse untergebracht ist. Außerdem lebt noch ein Pferd in unmittelbarer Nachbarschaft. Da sind die Kinder froh, wenn sie raus an die frische Luft oder in die Schule können, wo sie auch eine warme Mahlzeit bekommen. Dort wiederum werden sie von einigen Lehrern und besser gestellten Klassenkameraden drangsaliert.

Your father says it’s never too early to learn the songs of your ancestors.
Whats ancestors?
Never mind, she says, you’re going to dance
I wonder how I can die for Ireland if I have to sing and dance for Ireland, too. I wonder why they never say, You can eat sweets and stay home from school and go swimming for Ireland.
Mam says, Don’t get smart or I’ll warm your ear.

Frank McCourt beschreibt das alles aus seiner Perspektive als Kind. Vieles versteht er nicht, gedachtes und gesagtes vermischen sich, Dialoge und direkte Rede sind einfach im normalen Textfluss, ohne Anführunszeichen oder so. Das mag anfangs ein bisschen gewöhnungsbedürftig sein, doch schon nach wenigen Seiten ist man dadurch so gefesselt, dass man sich schnell selbst in Irland wähnt.

Eigentlich ist es ja eine ziemlich traurige Geschichte voller Tiefschläge und Enttäuschungen, doch sie ist so detailreich, mit so viel Wärme und sprachlichem Können erzählt, dass das Lesen einfach unbeschreiblichen Spaß macht. Es fehlt auch nicht an Humor. Um sich seinen Wunsch zu erfüllen, zurück nach New York zu kommen, nimmt Francis einige kleine Jobs an. Unter anderem hilft er einer Frau dabei, Zahlungsaufforderungen an säumige Kunden zu verschicken, die er mit allerlei auf der Sraße aufgeschnappten Formulierungen versieht, die weder er, noch die Frau, noch die Kunden richtig verstehen, die aber ihre Wirkung nicht verfehlen. Ein anderes Mal arbeitet er als Zeitungsausträger für einen Zeitungshandel, der hauptsächlich brtitische und protestanitsche Zeitungen verteilt. Dabei ist der Chef selbst natürlich erzkatholisch, und lässt in einer schnellen Aktion die Jungs durch alle Geschäfte fahren und aus einem Magazin einen Bericht über Abtreibungen rausreißen, sehr zum Missfallen der Verkäufer. Francis schmeißt die Seiten dann natürlich nicht weg, sondern verkauft sie zu horrenden Preisen an die stark interessierten Iren.

Vielleicht kennt ja jemand dieses Gefühl: Man schlägt ein Buch auf und fühlt sich sofort wie in eine andere Welt versetzt. Angelas Ashes, zu deutsch übrigens Die Asche meiner Mutter, versprüht dieses Gefühl in dicken Dosen auf jeder einzelnen Seite. Irgendjemand schrieb, man könne an einer beliebigen Stelle zu lesen beginnen und befände sich trotzdem sofort in einer fesselnden Geschichte. Es stimmt.

And I’d say: If you write, I’ll write. So I did. Little remembrances. And they said: ‚Oh, Mr McCourt. You should write a book. You had such an interesting childhood.‘ Which they only thought because they all had these middle-class existences with the CDs and the video players. But eventually I did.

-Frank McCourt, New York Times Magazine

Ein Meisterwerk.

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