Amoklauf an deutscher Realschule

Bei einem Amoklauf beginnend in der Albertville-Realschule in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) sind am Morgen nach neuesten Polizeiangaben 15 Menschen getötet worden. Der Täter, laut Polizei ein 17-Jähriger aus Leutenbach, wurde in Wendlingen erschossen.

Mehr dazu gibt es hier oder auch hier.

16 absolut sinnlose Tote. Es ist so unverständlich. Näheres zum Motiv ist wohl noch nicht bekannt, allerdings wurden im Haus der Eltern eine ganze Menge Waffen gefunden. Nichts, rein gar nichts rechtfertigt so einen Amoklauf und es sollte alles sinnvolle getan werden, solche Verbrechen zu verhindern (auch in Alabama fand einen Tag vorher ein Amoklauf statt).

Nun hat allerdings im Laufe der Jahre eine gewisse Konditionierung stattgefunden, man könnte gar von Routine sprechen – so pietätlos das zunächst scheinen mag.

Daher jetzt meine Frage: Wann wird der erste Politiker oder Journalist die Killerspiele als Ursache für den Amoklauf ins Gespräch bringen? Oder läuft diesmal alles anders und die globale Krise verdrängt die Diskussion über den Amoklauf von Winnenden nach kurzer Zeit aus der Öffentlichkeit?

Während der Recherche habe ich schon den ersten Schnipsel gefunden: DLF-Interview mit Kriminalpsychologe Jens Hoffman:

Heinlein: Warnsignale, die sich auch ankündigen durch den Konsum von Gewaltvideos oder zunehmender Gewalt im Internet? Können diese Phänomene diese Phantasien beflügeln, die Sie gerade beschrieben haben?

Hoffmann: Ja, aber nicht ursächlich. Was wir sehen, beispielsweise das Thema Videospiele, dass diese Täter sich durch Videospiele, anders als normale Jugendliche, die Video spielen, in eine solche Rachephantasie rein begeben. Ein Amokläufer in Deutschland hatte beispielsweise eine Schule in einem solchen Videospiel virtuell nachgebaut.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das schon gelten lassen kann, immerhin weist Hoffmann die Einschätzung von Computerspielen als Ursache zurück. Sonst ist das Interview aber sehr lesenswert, die Einführung von Krisensteams (im Sinne gut geschulter Betreuungslehrer oder ähnlichem) an Schulen halte ich als Teilmaßnahme für sehr sinnvoll und unterstützenswert, insbesondere wenn sich Amokläufe tatsächlich so präzise voraussagen lassen, wie der Kriminalpsychologe das vorgibt.

Auf jeden Fall bin ich über die weitere Entwicklung gespannt. Irgendwann sollte ja auch der letzte Hinterwäldler merken, dass die bisherigen Verschärfungen des Jugendschutzes und der Beurteilung von Computerspielen nicht vor neuen Amokläufen schützen. Ich vermute aber, dass daraus die falschen Schlüsse gezogen werden.

Update I (12.3.2009)

Eine Auswahl dessen, was man derzeit im Netz so über das Thema findet:

Epochtimes: Kriminologe verlangt nach Amoklauf Total-Verbot von Gewaltspielen

Der Präsident der Deutschen Stiftung für Verbrechensbekämpfung Hans-Dieter Schwind hat nach dem Amoklauf von Winnenden ein totales Verbot von Computer-Gewaltspielen sowie eine weitere Verschärfung des Waffenrechts gefordert. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte der Professor für Kriminologie: „Dass der 17-Jährige auf der Flucht noch weiter um sich geschossen hat, ist ein Verhalten, das Jugendliche auch in Spielen wie Counter Strike oder Crysis lernen können.“

Tagesschau: Amokläufer spielte Killerspiele am PC

Nach dem Amoklauf mit 16 Todesopfern hat die Polizei „einen ersten Anhaltspunkt“ für ein Motiv des 17-Jährigen. Der Amokläufer habe sich in letzter Zeit viel mit Killerspielen beschäftigt. Zu seinen Hobbys gehörte auch das Schießen mit Softairwaffen, bestätigte ein Polizeisprecher am Morgen in Waiblingen.

Süddeutsche: Das wortlose Töten des Tim K.

„Tim war schon immer sehr verschlossen. An den ist niemand rangekommen. Er hat immer nur so Ballerspiele gespielt.“

DRadio: Nach dem Amoklauf: Diskussion über Konsequenzen

Schließlich lebe man in einer offenen Gesellschaft, sagte er im ZDF. Bayerns Innenminister Herrmann plädierte für ein Verbot von Computer-Gewaltspielen. CSU-Generalsekretär Dobrindt forderte in der `Passauer Neuen Presse´ eine breite gesellschaftliche Allianz gegen Gewalt und Verrohung.

FAZ: Er hatte Tausende Horrorvideos zu Hause

Sein wichtigstes Hobby jedoch habe er nie aufgegeben: „Tischtennis war seine Leidenschaft“, sagt Tomas. Mit Computern hatte er dagegen nicht viel am Hut. Für das Internet habe er sich auch nicht begeistert.“

Um nicht falsch verstanden zu werden: Das Spielen von Computerspielen gehört natürlich zum Profil des Täters und darf natürlich erwähnt und diskutiert werden. Mir geht es darum, wie das geschieht. Eine Überschrift wie Amokläufer spielte Killerspiele am PC oder die Forderungen von Schwind sind keine Beiträge zu einer sachlichen Diskussion.

Update II (15.3.2009)

Ich muss sagen, die Berichterstattung ist dieses mal deutlich sachlicher und ausgewogener. Hier noch einige lesenswerte Berichte zur Sache von der Gamestar (in ihrem Standpunkt natürlich nicht von vornherein als neutral zu betrachten):

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2 Antworten auf Amoklauf an deutscher Realschule

  1. onkelerika sagt:

    Also das “Familie in der Regel nicht mehr das ist, was es mal war” würde ich so nicht unterschreiben, ich denke da übertreibst du. Obwohl es diese Extreme wohl häufiger geben mag, als noch vor einigen Jahr(zehnt)en. Aber auch in intakten Familien (die meiner unbelegbaren Meinung nach die große Menge darstellen), ist die Schule DIE Erziehungsinstanz schlechthin.

    Daher ist der von dir angesprochene Lehrermangel definitiv ein Problem. Ob allerdings Ganztagsschulen eine Lösung sind, möchte ich nicht sagen.

  2. Koloradokäfer sagt:

    Nein, diesmal hast du Glück. Der Rap ist schuld:
    http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/468103

    Nun bin ich wenigstens so unprofessionell, wie die Politiker, die sich in den kommenden Tagen dazu äußern werden, aber meiner Meinung nach gibt es zu wenig Lehrer im Verhältnis zur Anzahl der Schüler und die Lehrer haben nicht mehr genügend Möglichkeiten eine vertretbare Form von Disziplin durchzusetzen. Letztlich muss ein Lehrer ja eine Anzeige durch die Eltern befürchten, wenn er Schüler nachsitzen lässt, sie nach einem Vergehen zur Leistungskontrolle dran nimmt oder ähnliches.

    Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass Familie in der Regel nicht mehr das ist, was es mal war. Typisch: Entweder Karriere-Eltern mit einem Kind oder Assi-Eltern mit ganz vielen Kindern. Die sechsköpfige Familie des Industriearbeiters gibt es nicht mehr. – Dagegen ist auch nichts zu sagen. Eine Gesellschaft entwickelt sich eben. Aber dann müssen Alternativen her. Und diese Alternativen müssen ja nicht unbedingt zu Hause stattfinden. Dann sind vielleicht doch Ganztagsschulen ohne Lehrermangel die Lösung? Ich weiß es nicht.

    Zum Schluß kommt mir der Gedanke, dass es wahrscheinlich doch ganz anders ist: Es ist einfach das “Internet”, wie manche beschönigend das Terroristen-Amokläufer-Kinderporno-Netzwerk bezeichnen. In diesem Sinne ist es also unvermeidlich dessen sogenannte User, wie sich die potentiellen Gefährder verharmlosend nennen, besser zu überwachen, um unnormales Verhalten sofort erkennen zu können. Dann kann man präventiv vorgehen. – Zu dem Begriff wollte ich nur kommen. Was sind denn eigentlich die vernünftigen Formen der “Prävention”, die man hier anwenden könnte?

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