25. (Kurz-)Filmfest Dresden

Das Filmfest Dresden hat 25-jähriges Jubiläum (das erste überhaupt mögliche Jubiläum, nach ursprünglicher Bedeutung). Das ist natürlich kein Grund, hinzugehen. Dafür braucht es kein Jubiläum, zum International Short Film Festival sollte man jedes Jahr gehen. Neben vielen Sonderprogrammen sind vor allem der nationale und internationale Wettbewerb Herzstück des Festivals. Wir haben uns den Block 5 des internationalen Wettbewerbs angeschaut. Wenn ich mich nicht täusche, war das in den Jahren vorher auch immer so. Tradition, quasi. Die Zuschauer können am Ende der Vorstellung auf einem Zettel den Film ankreuzen, der ihnen am Besten gefallen hat, um so für den Publikumspreis zu stimmen.

LES MOTS DE LA CARPE (TONGUE-TIED, 3:55 min, Frankreich)

Den Anfang macht der nur knappe vier Minuten lange französische Animationsfilm LES MOTS DE LA CARPE von Lucrèce Andreae. Es geht um eine Runde Speeddating, in schneller Geschwindigkeit treffen die verschiedensten Charaktere aufeinander, gut für einige Lacher, der Humor geht aber eher in Richtung Slapstick. Also jetzt keine Torten oder so, aber gesprochen wird nur Kauderwelsch (hab ich mir sagen lassen, ich verstehe leider kein Französisch), die Komik entsteht durch Gestik und Mimik. Lustig, aber nicht unbedingt ein Film der in die engere Auswahl käme.

MOLLEMENT, UN SAMEDI MATIN (LIMPLY, ONE SATURDAY MORNING, Frankreich/Algerien, 28:11 min)

Der folgende Film könnte kaum einen größeren Kontrast zum Auftakt bilden. In MOLLEMENT, UN SAMEDI MATIN geht es vordergründig um eine Vergewaltigung. Die Algerierin Myassa wird im eigenen Haus beim Warten auf den Fahrstuhl „beinahe“ vergewaltigt. „Beinahe“, weil der Täter keine Erektion bekommt und den Vergewaltigungsversuch nach kurzer Zeit beendet und sicher, fast verschämt, zurückzieht. Der anschließende Versuch, die Vergewaltigung anzuzeigen, bleibt erfolglos. Tatsächlich geht es aber um einen größeren Rahmen. Regisseurin Sofia Djama selbst spricht nach dem Film auf der Bühne über ihre Motive. Ihr ging es um die Darstellung der algerischen Gesellschaft, die sich seit der Machtübernahme durch Islamisten korrumpiert hat und völlig festgefahren ist. Man sieht dies schön dargestellt, wenn Myassa, die, ohne Kopftuch, allein unterwegs, wohl nicht dem „annerkannten Frauenbild“ entspricht, auf der Straße unentwegt angestarrt und von anderen beleidigt wird. Etwas befremdlich fand ich, wie Myassa schließlich selbst ihrem „Beinahe“-Vergewaltiger stellt: Sie gibt ihm Viagra und sagt „Wir sind beide Opfer dieses Systems.„. Er entschludigt sich dann. Das funktioniert zwar für die gesellschaftliche Ebene, aber bezogen auf den konkreten Vorfall finde ich das sehr fragwürdig. Trotzdem ein Film für die engere Auswahl.

BREATHE (Taiwan, 6:26 min)

Ganz besonders gefreut habe ich mich, als der Moderator bekannt gab, dass der dritte Film BREATHE aus dem schönen Taiwan kommt, von dem man in Deutschland ja sonst leider nicht viel hört und sieht. Mit dem Beschreiben des Films wird es aber schwierig, denn Breath ist zwar kein Animationsfilm, aber gezeichnet. Auf eine Autofensterscheibe. Wie Filmmacherin Lin Ching Hsuan, die erfreulicherweise auch anwesend war, erzählt, hat sie vier Monate lang Zeichnungen auf beschlagene Fensterscheiben gemalt. Zunächst ging das noch, weil sie extra im auch in Taiwan kühlen Februar angefangen hat. Die Arbeiten zogen sich dann aber hin und es wurde immer heißer. Und dann noch stundenlang im Auto zu sitzen, Scheiben beschlagen zu lassen, Bilder drauf zu malen und abzufotografieren… das geht an die Substanz! Die Zeichnungen selbst sind natürlich eher schematisch, aber sehr poetisch, und erzählen vom Lauf eines Lebens und den Dingen, die man loslassen muss und an die nur die Erinnerung bleibt. Sehr schön gemacht! Als ich hörte, dass der Film aus Taiwan kommt, hatte ich erst Gewissensbisse, ob ich da noch unvoreingenommen urteilen kann, aber das Problem hat der Film sehr schön beseitigt 😉

QUE PUIS JE TE SOUHAITER AVANT LE COMBAT? (WHAT CAN I WISH YOU BEFORE THE FIGHT?, Frankreich, 15:37 min)

Nach Taiwan ging es wieder zurück nach Frankreich. In QUE PUIS JE TE SOUHAITER AVANT LE COMBAT? geht es um Marie, ein adoptiertes Mädchen, das nicht spricht, obwohl es durchaus dazu in der Lage wäre. Warum, ist zunächst nicht ganz klar. Erst als ein weiteres, unbekanntes Mädchen bei der Familie auftaucht, beginnt eine Veränderung mit Marie vorzugehen. Was dann genau passiert möchte ich hier nicht spoilern. Beim Anschauen gefiel mehr der Film schon recht gut, aber erst durch die Erklärungen Sofia Babluani, ebenfalls anwesend, wurde das Gezeigte noch etwas klarer. Kurz gesagt ging es ihr um kulturelle Adoption und die Darstellung von Menschen, die sonst kaum außerhalb von Nachrichten und Dokumentationen beachtung finden. Guter Film, engere Auswahl.

FRÜHZUG (MORNING TRAIN, Schweiz, 5:16)

FRÜHZUG von Delia Hess ist ein Animationsfilm, gezeichnet mit groben Strichen in Schwarzweiß. Ein Paar liegt zunächst im Bett, dann steht der Mann auf und bereitet sich auf den Arbeitstag vor, während vor dem Fenster Züge vorbeifahren. Die Frau bleibt im Bett und fällt in einen Traum, der von den Geräuschen, die der Mann und die Züge machen beeinflusst wird. Eigentlich interessant, aber irgendwie nicht ganz konsequent gemacht und ohne große Aussage dahinter. Das merkte man auch am Moderator, dem im Interview mit der Regisseurin keine so rechten inhaltlichen Fragen zum Film einfielen. Für mich der schwächste der sechs Filme.

UNSETTLED (USA, 17 min)

Den Schluss machte ein Film aus den USA, UNSETTLED. Der war der am besten produzierte Filme, in dem Sinne, dass er aussah wie gut polierte Filme aussehen. Also gute Kamera, nette Musik,scharfe Bilder und so. Das klingt zwar etwas klischeehaft, aber leider war auch die Geschichte so. Im Programmheft heißt es lapidar „Ein High-School-Kunstlehrer mittleren Alters will einem Schüler helfen, das Mädchen zu bekommen, in das er verknallt ist.“ Das trifft es ziemlich genau und mehr gibts dazu eigentlich auch nicht zu sagen. Aber gute Musik und ein paar Lacher.

Fazit

Man mag es sich vielleicht schon denken: Ich habe BREATH aus Taiwan für den Publikumspreis angekreuzt. Der war sehr kreativ, mit einer tollen Technik und viel Arbeit verbunden und stellt das Leben, Verlust und Erinnerung schön poetisch dar. Toll!

Was ich noch bemerkenswert finde: Fünf der sechs Filme wurden von Frauen gedreht. Das ist mal ein Ausrufezeichen, wenn man bedenkt, dass etwa in Hollywood der Anteil an Frauen auf dem Regiestuhl bei nur ungefähr 10% liegt.

Das Filmfest läuft noch bis zum 21. April, das Programm gibts hier.

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